Hauptstadt-Blues

Zwei Wochen Berlin, beruflich und privat, einfach herrlich. Höchste Zeit, mal wieder zu bloggen. Mein letzter Besuch dort war ´92, vor einer kleinen Ewigkeit. Damals brauchte die Bahn noch fast neun Stunden ab Mannheim nach Bahnhof Zoo, dafür gab es aber noch Raucherabteile und Aschenbecher im Bordrestaurant. Seit es Letzteres nicht mehr gibt, hat sich Bahn fahren für mich allerdings erledigt; während ich früher die längste Zeit in besagtem Abteil verbracht und dort mit der Euphorie des Reisenden Mengen völlig überteuerten Kaffees und so genannter Snacks konsumiert habe, ziehe ich heute das private Reisen vor. Welch köstlicheres Vergnügen könnte eine Bahnfahrt bieten, als verträumt die vorbei rauschende Landschaft zu betrachten und genüsslich rauchend zu philosophieren? Richtig, keines. Plärrende Zwerge, ungeduschte „Erwachsene“, Zumutungen, denen man in den modernen Kniequetschen im ICE nicht erfolgreich ausweichen kann, sind keine Motivation für diese Art des Reisens. Nachdem man nun die armseligen Überreste historischen Luxus abgeschafft oder durch pietistische Verbote für Hedonisten unbrauchbar gemacht hat, bedarf es neuer Einfälle. Zur Probe habe ich die 620 km diesmal mit meiner geliebten Vespa GT zurückgelegt, auf der man zwar naheliegend ebenfalls nicht rauchen kann, dafür aber jederzeit dort anhalten, wo man es für angemessen hält. Die Fahrt hat nicht mehr gekostet als ein Ticket und für eine Stadt wie Berlin ist das Fahrzeug wie gemacht. Nach zehn Stunden war ich dort. Test erfolgreich.


Lebt man seit Jahren in der tiefen Provinz, muss man sich an das pralle Leben der Hauptstadt erst gewöhnen. Das Schauspiel berstend voller Bars, Restaurants, Cafes, Bistros so weit das Auge reicht, nachts um zwei, in der Oranienburger Strasse lässt einem erst mal das Herz aufgehen, während man hier mit viel Glück nach zehn Uhr noch einen Dönerstand findet. Interessanter wird es noch in den Seitenstraßen, wo nicht nur Touristen unterwegs sind. Die erste Bar, die, wie von außen erkennbar, noch einige freie Tische bot, betrat ich in freudiger Erwartung. Ich hätte allerdings gleich misstrauisch werden sollen: warum drängt sich das gesamte Publikum auf der einen Seite, so dass kaum ein Durchkommen war? Tja, du ahnst es, lieber Leser; die freien Tische waren bestückt mit diesem abscheulichen Symbol des heraufdämmernden Tolitarismus, dem Rauchverbotszeichen. Sonderbar nur, dass sämtliche ! so gekennzeichneten Tische unbesetzt waren. Wer kann mir das erklären?

Also, gegenüber, dazwischen gequetscht auf die überfüllten Bänke einer wilden Spelunke im unrenovierten Altbau (vermutlich auch besetzt das Haus, war in den Lichtverhältnissen nicht so genau zu erkennen). Die derbe Bedienung schmeißt erst mal ihre Kippe in meine Ascher, damit sie die Hände frei hat die Bestellung aufzunehmen. Dort fühlt man sich doch gleich viel wohler als im Calvin-Inn.


Lange Rede, kurzer Sinn: mit geschärftem Blick durch die Stadt bemerkt man überall nämliches Phänomen; Nichtrauchertische bleiben unbesetzt, auch dort wo sie räumlich abgetrennt und attraktiv gestaltet sind, wobei zumindest letztgenanntes meist zu traf. Der Rest ist in der Regel gut besucht, und zwar von mindestens, unrepräsentativ erhoben, aber für alle besuchten Gastros im Schnitt zutreffend, 60 – 70 % Raucherinnen und Rauchern. Ich wage mal die Behauptung, diese „Statistik“ hat keine geringere Aussagekraft als diese unsäglichen Online-Befragungen, auf die sich unsere Gegner so gerne stützten, nachdem sie die in nächtelangen Klickorgien gründlich manipuliert haben. So erlebt in den Bezirken: Mitte, Prenzlauer Berg, Kreuzberg, Friedrichshain, Charlottenburg, Tiergarten, Neukölln, Mahlsdorf und vermutlich noch ein paar andere, die ich betreten habe ohne sie beim Namen zu kennen ;-)

Noch am Rande zu bemerken bleibt: Touristen aus den unglücklichen europäischen Rauchverbotsstaaten machen von der noch vorhandenen Freiheit, wie ein richtiger Mensch im Lokal zu rauchen statt wie ein Hund vor der Tür augenfällig mit besonderer Wonne Gebrauch. Wer kann es ihnen verdenken.


Das Wetter war in der Zeit etwas unsommerlich durchwachsen, so dass ich das eine oder andere Mal mit der Vespa in heftige Regengüsse geriet. Ich hatte ja keine Eile, also Boxenstopp und rein ins nächst gelegene Cafe. Schön, wer hat nochmal behauptet, es gäbe keine Nichtrauchergastro? Dreimal, nicht weniger, erwischt mich das Wetter genau vor einem Nichtraucherlokal ! Alle kamen mir schon beim Betreten merkwürdig vor: kaum Leute, obwohl es draußen schüttet. Der Grund war schnell ermittelt und ich machte auf dem Absatz kehrt. Lieber werd ich nass, herzlichen Dank. Ein solches Missgeschick ist nicht auf Zeiten tobenden Wetters beschränkt. An einem Morgen, an dem ich beschloss auf dem Weg zu einem Termin rasch unterwegs ein Frühstück einzunehmen, geschah nämliches. Ich steuerte das Nächstbeste an, dass auf Kaffee und Frühstück schließen ließ. Wieder Pech. Alles Nichtraucher. Das Konzept: so eine Art Star-Bug mit ellenlangen Listen dubioser Kaffeespezialitäten, die kein Mensch braucht und die wohl alle aus einem Instantpulver angerührt werden; diese Art von Laden eben, die einen sauren Geruch von Effizienz verströmen und genau das Gegenteil eines klassischen Cafes sind: statt zum Verweilen einzuladen, sind es Auftankstationen für produktive Arbeitnehmer, die in kürzester Zeit Nahrung und Flüssigkeit aufnehmen müssen, damit sie den Rest des Tages weiter funktionieren. Dieser Effizienzgedanke hat, wer hätte gedacht, das wäre mal von Vorteil, auch diese Unsitte hervorgebracht, so genannte to-go-Produkte anzubieten. Nur weil die Zeit knapp und der Hunger groß war: ich war inkonsequent, aber ich hab das Zeug nicht vor Ort konsumiert!

So, jetzt denken wir uns ein paar Monate in die Zukunft und stellen uns vor: du darfst nirgendwo mehr Rauchen. Chillen im Cafe ist passe´, ausser noch im Sommer bei gutem Wetter. Ansonsten: hoffentlich hast du einen Wintergarten.


Szenario No. 1: es gelingt, diese Rauchverbotsidiotie tatsächlich zu kontrollieren und flächendeckend durchzusetzen. Was bleibt da vom prallen Leben in der einzigen deutschen Metropole noch übrig? Genau: so gut wie nix. Die Stadt wird so ausgelassen sein, wie Ostberlin vor dem Mauerfall. Daher habe ich unten auch ein Bild des Potsdamer Platzes beigefügt, und zwar von ´92. Ich denke, dass verschafft einen schönen Eindruck, wie das öffentliche Leben in Berlin aussehen wird, sollte diese Variante Wirklichkeit werden. Seht es euch gut an!

Szenario No. 2: es ist das Wahrscheinlichere. In großen Teilen der Gastro wird man das Rauchverbot entweder ignorieren, umgehen und austricksen. Das gilt insbesondere für die nicht so konventionellen Läden, die ich, ohne Berlinkenner zu sein, in Bezirken wie Kreuzberg, Friedrichshain, neuerdings Neukölln und besonders Mitte vermuten würde, Berliner wissen es besser. Die Behörden werden sich einen Wolf kontrollieren, falls sie das überhaupt in Angriff nehmen. Schließlich hat der Bezirksbürgermeister Neuköllns bereits angekündigt: Rauchverbote werden dort nicht kontrolliert. Es wird, was in einer so riesigen Stadt garantiert kein Problem ist, illegale, halb legale oder sonst wie unabhängige Alternativen für den rauchenden Schwärmer geben. Es ist kaum zu erwarten, dass die Stadt große Kräfte darauf verwenden wird, eine zwangsläufige Entwicklung zu bekämpfen, die sich auf ein nicht begründbares Gesetz stützt; dafür hat die Berliner Polizei einfach zu viel zu tun ;-)


Gewisse Chancen aufgrund von Denunzianten oder Überzeugungstätern räume ich dem Verbot in Prenzlauer Berg ein. Wer es besser weiß, darf mich gerne korrigieren. Dieser Stadtteil ist, habe ich mir sagen lassen, der mit der jüngsten Bevölkerung europaweit und den meisten Kindern. Man merkt es schon bei herumspazieren. Nie gesehene Mengen von Kinderwagen, alle vom gleichen Hersteller, geschoben von Müttern, die ihre Kleidung im gleichen Laden kaufen. Sollte es so kommen: sei´s drum, dann wissen die Nichtraucher ja, wo sie am besten ausgehen können.

Potsdamer Platz, 1992

17.7.07 03:27

Letzte Einträge: 4000 Substanzen

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bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


golden_pink / Website (17.7.07 09:54)
Nur ein kurzer Kommentar... Ich bin Hauptstädter und außerdem Nichtraucher. ABER mich hat es nie gestört, dass in Lokalen um mich herum geraucht wird und ich finde diesen riesen Wirbel darum total irrsinnig!! Ich glaube die haben nur mal wieder was gesucht womit sie ein paar Millionen verpulvern können. Wir haben ja offensichtlich genug davon!!
Grüße aus Berlin


Berolina (21.7.07 23:23)
Einen grösseren Mist habe ich nocn nirgends gelesen!